Legacy-Modernisierung: Warum komplett neu bauen selten die richtige Antwort ist

Jahrzehnte an Know-how stecken in Ihrer Bestandssoftware. Wir zeigen, wie Sie diesen Schatz retten – und warum KI die Spielregeln verändert hat.

Sebastian GrüterSebastian Grüter
10. Februar 2026 10 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze

  • In Legacy-Codebasen steckt jahrzehntelang angesammeltes Problemlösungs-Know-how, das bei einer Neuentwicklung verloren geht
  • Schichtweise Modernisierung – Frontend, Schnittstellen, Gateway oder Datenbank – minimiert Risiken
  • KI-gestützte Migration macht heute wirtschaftlich, was früher unbezahlbar war
  • Der richtige Mix aus Bewahren und Erneuern entscheidet über den Projekterfolg

Das Dilemma: Alte Software, neue Anforderungen

Die Situation kennen viele Unternehmen: Über Jahre oder sogar Jahrzehnte ist eine Softwarelösung gewachsen, die das Herzstück des Geschäfts bildet. Doch mittlerweile ist die Programmiersprache veraltet, Entwickler dafür sind kaum noch zu finden, und moderne Anforderungen wie Weboberflächen lassen sich damit nicht mehr umsetzen.

Dann fällt oft der vermeintlich logische Satz: „Das kann man nicht modernisieren. Zu alt. Müssen wir komplett neu machen.“

Genau hier lohnt sich ein differenzierter Blick.

Wann eine Neuentwicklung tatsächlich Sinn macht

Bei kleineren Projekten mit überschaubarem Funktionsumfang – also Anwendungen, die man realistisch in zwei bis sechs Monaten neu entwickeln kann – ist eine komplette Neuentwicklung oft der pragmatische Weg. Der Funktionsumfang ist klar, man kann einmal hart auf das neue System umstellen, die Daten migrieren und hat einen sauberen Schnitt.

Bei den meisten Enterprise-Anwendungen sieht die Rechnung allerdings anders aus.

Das unterschätzte Risiko der Neuentwicklung

Was bei Legacy-Systemen oft vergessen wird: In diesen Codebasen steckt jahrzehntelang angesammeltes Problemlösungs-Know-how.

Jede Sonderfallbehandlung, jede vermeintlich seltsame Verzweigung im Code hat ihren Grund. Meist wurden damit Probleme gelöst, auf die man erst im Produktivbetrieb gestoßen ist. Wer bei null anfängt, wird diese Probleme neu entdecken müssen – oder, schlimmer noch: auf völlig neue stoßen, die der alte Ansatz gar nicht hatte.

Der vermeintlich „bessere“ neue Ansatz fällt einem oft nach zwei Jahren genauso auf die Füße.

Smarter modernisieren: Schicht für Schicht

Statt alles auf einmal zu ersetzen, lohnt sich die Frage: Welche Teile der Applikation müssen eigentlich modernisiert werden?

Strategie 1: Das Frontend auslagern

Brauchen Sie dringend eine moderne Weboberfläche? Dann modernisieren Sie genau das – und docken die neue Benutzeroberfläche an die bestehende Software an. Die Authentifizierung und das UI laufen als separater Service, während die Kernlogik im Altsystem bleibt.

Strategie 2: Schnittstellen ergänzen

Häufig unterschätzt: Auch ältere Programmiersprachen können oft Webserver bereitstellen oder APIs anbieten. Das bestehende Entwicklerteam erweitert das Altsystem um Schnittstellen, während ein neues Team die modernen Komponenten baut.

Strategie 3: Gateway-Architektur

Für unsichere oder veraltete Schnittstellen lässt sich ein Gateway vorschalten, das die Daten aufbereitet und nach modernen Standards bereitstellt – ohne die Kernapplikation anzufassen.

Strategie 4: Datenbank-Migration mit Abstraktionsschicht

Veraltete Datenbanken lassen sich durch einen Layer kapseln und schrittweise ersetzen. Das gleiche Prinzip funktioniert auch für Backend-Logik, wenn das Frontend bereits modernisiert wurde.

Die systematische Code-Migration

Bei komplexen grafischen Oberflächen oder umfangreicher Backend-Logik kommt man um eine tiefgreifende Migration nicht herum. Der Schlüssel liegt in der systematischen Herangehensweise:

  1. Analyse: Gemeinsamkeiten identifizieren, bestehende Architekturmuster erkennen
  2. Kleinsten gemeinsamen Nenner finden: Beispielsweise können Makefiles sowohl für alte Frameworks als auch für moderne Lösungen wie Qt genutzt werden
  3. Parallelbetrieb ermöglichen: Build-Systeme so anpassen, dass Alt- und Neusystem koexistieren können
  4. Kleines Spezialistenteam: Ein dediziertes Team plant und steuert die schrittweise Migration

Eine solche Modernisierung ist kein Sprint, sondern ein Marathon – ein bis zwei Jahre sind keine Seltenheit.

Der Game-Changer: KI-gestützte Migration

Hier wird es spannend: KI-Tools haben die Wirtschaftlichkeit von Legacy-Modernisierungen fundamental verändert.

Früher bedeutete Migration vor allem eines: endlose Tipparbeit. Hunderte oder Tausende Codezeilen mussten manuell übersetzt werden. Heute sieht das anders aus.

Beispiel: Datenbank-Migration

Angenommen, Sie haben hunderte SQL-Abfragen, die auf einen modernen ORM-Mapper migriert werden sollen:

  • Zunächst wählen Sie einen ORM-Mapper, der auch natives SQL unterstützt (um den Migrationsaufwand zu minimieren)
  • Dann erstellen Sie klare Anweisungen für die KI
  • Die KI übersetzt die Abfragen im Batch

Automatisiertes Testing als Beschleuniger

Besonders wirkungsvoll: Direkt beim Start in der neuen Welt ein komplettes Testing-Setup aufbauen. Automatisierte Tests – ebenfalls KI-unterstützt erstellt – ermöglichen es, die migrierten Komponenten kontinuierlich zu validieren.

Flexibilität bei Problemen

Der vielleicht größte Vorteil: Wenn an einer Stelle die Migration nicht wie geplant funktioniert, passt man den Fahrplan an – und die KI führt die Änderungen konsistent über den gesamten Code aus. Früher bedeutete eine solche Planänderung Wochen zusätzlicher Arbeit.

Warum sich Legacy-Rettung lohnt

In Zeiten von SaaS und Cloud-Lösungen hört man oft: „Die alten Systeme werden sowieso alle sterben.“

Das ist zu kurz gedacht – besonders in spezialisierten Branchen.

Maschinenbau, Messsysteme, industrielle Steuerungen: Hier steckt in der Software nicht nur Code, sondern jahrzehntelang akkumuliertes Domänenwissen. Logik, die mit realer Maschinensteuerung verzahnt ist. Das lässt sich nicht einfach durch ein SaaS-Produkt ersetzen – und auch KI wird dieses spezialisierte Know-how nicht über Nacht neu erschaffen.

Ein Wort zum Schutz Ihres geistigen Eigentums

Bei KI-gestützter Migration stellt sich eine wichtige Frage: Was passiert mit sensiblem Code?

Hier gibt es zwei Wege:

  1. On-Premise-KI: Die KI-Modelle laufen vollständig in Ihrer eigenen Infrastruktur
  2. Selektive Migration: Geschäftskritischer Code, der nicht nach außen gelangen darf, wird aus dem KI-Prozess herausgehalten und manuell migriert

Fazit: Der richtige Mix macht's

Legacy-Modernisierung ist keine Alles-oder-nichts-Entscheidung. Die Kunst liegt darin, den richtigen Ansatz für jede Schicht der Anwendung zu finden:

  • Kleine Projekte: Neuentwicklung kann der schnellere Weg sein
  • Große Systeme: Schrittweise Migration mit klarem Fahrplan
  • KI-Unterstützung: Macht heute möglich, was früher unwirtschaftlich war
  • Know-how bewahren: Das Wissen in Ihrer Legacy-Software ist ein Asset, kein Hindernis

Die Frage ist nicht mehr „Neu bauen oder behalten?“ – sondern: „Wie modernisieren wir smart?“

Sie stehen vor einer Legacy-Modernisierung und suchen den richtigen Ansatz? Sprechen Sie uns an – wir analysieren gemeinsam, welche Strategie für Ihr System die richtige ist.

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